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Donnerstag
Sep282017

Aus dem Alltag eines Hausarztes

Dienstag, der 12.09.2017 – ein nicht ganz gewöhnlicher Dienstag, und dennoch beispielhaft für unseren hausärztlichen Alltag, wie wir ihn immer wieder erleben. Es ist der zweite Tag nach meinem Urlaub, der Terminkalender ist morgens schon für den ganzen Tag belegt. Immerhin, der Computer, gestern nach Neuinstallation noch im Chaos-Modus, funktioniert fast ohne Probleme.

Meine erste Patientin – eine belastende Arbeitsplatzsituation hat bei ihr zu einer vollkommenen Erschöpfung geführt. Es gelingt ihr im Alltag nicht mehr, ausreichend Zeit zur Regeneration zu finden. Wir überlegen, welche Rehabilitationsmaßnahmen für sie möglich wären. Als nächstes kommt ein Patient zur Besprechung seiner Laborwerte und dem Ergebnis der Langzeitblutdruckmessung. Der Blutdruck ist zu hoch und es muss ein für ihn passendes Medikament ausgesucht werden. Zusätzlich geht es um mögliche Begleitmaßnahmen, die nachgewiesenermaßen blutdrucksenkend wirken, wie Ernährung, Bewegung, Gewichtsabnahme, Entspannungsverfahren, Yoga oder Meditation. Der Nächste bitte: Ein Patient mit Halsschmerzen seit einer Woche, kann kaum noch schlucken. Zu sehen ist ein dunkelroter Rachen, vergrößerte Mandeln. Behandlung mit einem dafür passenden homöopathischen Mittel.

So geht es den ganzen Vormittag weiter, mal stehen psychische, soziale oder familiäre Probleme im Vordergrund, mal kurz und knapp ein körperliches Leiden, häufig vermischt sich beides.

Mittags ist wie jeden Dienstag Besprechung: wechselweise für uns Ärztinnen und Ärzte oder das gesamte Team. Diese Treffen dienen der Fortbildung, der Besprechung und Optimierung unserer Praxisabläufe, oder dem Austausch persönlicher Anliegen.

Die Mittagspause dient angeforderten Besuchen im Pflegeheim und reicht noch für ein paar Telefonate. Ab 15 Uhr dann die Nachmittagssprechstunde. Heute begleitet mich eine Medizin-Studentin, die in ihren Semesterferien bei uns praktische Erfahrungen sammelt, eine sogenannte Famulatur, die für das Medizinstudium vorgeschrieben ist. Der zweite Patient kommt zu einer Ultraschalluntersuchung, für die Studentin eine Gelegenheit, sich mit dieser Untersuchungstechnik etwas vertraut zu machen. Sie kann, der Patient ist damit einverstanden, nach meiner Untersuchung alles noch einmal nachvollziehen. Das dauert natürlich und auch die weiteren Erläuterungen im Laufe des Nachmittages bringen den Zeitplan durcheinander. Mein Eindruck jedoch ist, dass alle Patienten für diese Situation großes Verständnis haben und die Ausbildung unseres Nachwuchses genauso wichtig finden wie wir Ärzte die Weitergabe unserer Erfahrung an die zukünftigen Kolleginnen und Kollegen.

Der letzte Patient, jetzt schon deutlich nach 19 Uhr, möchte noch schnell dieses und jenes klären, bevor er übermorgen in den Urlaub fährt. Nun beginnt die Nacharbeit des Tages. Die Ergebnisse der Blutuntersuchungen werden kontrolliert, um bei auffälligen Befunden noch am Abend intervenieren zu können. Über den Tag aufgeschobene Telefonate werden ebenso erledigt wie Renten/Kuranträge oder andere Bescheinigungen.

Dazu kommt heute, dass für die Hausbesuche des Folgetages noch zwei komplizierte Therapieplanänderungen ausgearbeitet werden müssen. Das möchte ich nach dem Abendessen zu Hause erledigen, aber der Computer denkt es sich anders und lässt den Zugriff auf die Praxisdaten nicht zu. Aus unerfindlichen Gründen geht es dann kurz vor Mitternacht doch. Ich muss alle Medikamente einer Patientin überprüfen, ob die Beschwerden, die sie hat, Schwindel und Erbrechen, durch die Medikamente ausgelöst sein könnten. Ich staune nicht wenig, als ich feststelle, dass alle sieben Medikamente, die sie nimmt als häufige Nebenwirkung Schwindel und Erbrechen angegeben haben. Was tun? Alles absetzen? Nachdem ich die Krankengeschichte noch einmal durchgelesen habe, steht ein Medikament vorwiegend im Verdacht, nur gerade dieses kann ich nicht weglassen. Ersatzweise kann nur mit Spritzen behandelt werden und dazu muss ich am Tag darauf einen Pflegedienst in die Behandlung mit einbeziehen.

So sind unsere Arbeitstage manchmal sehr lang und anstrengend. Dennoch, die Begleitung und Beratung meiner Patienten über viele Jahre, die Einblicke in Lebensläufe und Lebensbedingungen, bewegende Gespräche über Ängste, Sorgen und Nöte, über Krankheit, Schicksalsgegebenheiten, Leben und Sterben, die Begegnung mit so vielen unterschiedlichen Patienten, die große Bandbreite an Erkrankungen, von harmlosen bis zu schwersten Leiden, die Behandlung von jungen bis hochbetagten Menschen; Gesundwerden erleben zu dürfen und beizustehen, wenn trotz aller Möglichkeiten der modernen Medizin ein Gesundwerden nicht mehr möglich ist, all das empfinde ich bei meiner Tätigkeit als Hausarzt ungemein interessant und abwechslungsreich, überaus befriedigend und erfüllend.

Dr. Florian Steinbeis